Am Anfang des 20.Jahrhunderts galt die Kavallerie bei Verfechtern modernerer Militärdoktrinen lediglich noch als Hilfswaffe von Infanterie und Artillerie. Der erhebliche Einfluss kavalleriefixierter Traditionalisten in den Generalstäben und Kriegsschulen vieler Armeen bewirkte aber das zähe Festhalten an überholten Konzepten, die die Hauptaufgabe der Kavallerie nicht in der Aufklärung oder dem Fußgefecht abgesessener Reiter, sondern in Schlachten entscheidenden Lanzen- und Säbelattacken zu Pferd sahen. Insbesondere in der preußischen Armee wurde diese militärisch-adligem Exklusivitätsdenken entsprechende „Ritterideologie“ gepflegt.
Die Theorie vom militärischen Nutzen massierter Reiterangriffe wurde im Verlauf des Ersten Weltkriegs schnell widerlegt. Eine der letzen großen Attacken der Militärgeschichte wurde kurz nach Ausbruch des Krieges an der Westfront in Belgien von deutschen Pferdesoldaten geritten.
Die deutsche Armee greift Belgien an
Die Strategie des deutschen Generalstabs zur Besiegung Frankreichs basierte auf dem Plan, mit einem starken rechten Flügel durch Belgien hindurch hinter die ostfranzösische Festungskette zu gelangen. Die Verletzung der belgischen Neutralität und entsprechende Kampfhandlungen mit den belgischen Streitkräften wurden dabei in Kauf genommen. Ohne Kriegserklärung marschierte die deutsche Armee am 4. August 1914 völkerrechtswidrig in das neutrale Belgien ein.
Zwei Kavalleriekorps schirmen den Angriff auf Lüttich ab
Erstes Ziel war es, die Festung Lüttich handstreichartig zu nehmen. Zur Abschirmung des Angriffs auf Lüttich wurden starke deutsche Kavalleriekräfte, zwei Korps unter dem Kommando von Generalleutnant von der Marwitz, eingesetzt.
Bei Halen trifft deutsche Kavallerie auf belgische Kavallerie
Im Zuge dieser Operation kam es bei Halen, einem Marktstädtchen der ostflandrischen Limburg-Region am Übergang des Flüsschens Gette, am 12. August zum Aufeinandertreffen deutscher und belgischer Kavallerieeinheiten. Irrtümlich vermutete von der Marwitz lediglich schwache belgische Kräfte in der Stadt und befahl die Eroberung von Halen. Tatsächlich lagen in Halen die 2.500 Männer der belgischen Kavalleriereservedivision ( General de Witte). Im Laufe des Tages wurden die belgischen Kavalleristen von etwa 3.200 Mann einer gemischten Brigade verstärkt. Von der Marwitz standen bei Halen zwei Divisionen mit insgesamt 6.000 Mann zur Verfügung: Die 2. und die 4. Kavalleriedivision sowie zwei Jägerbataillone und die Garde-Maschinengewehrabteilung .
Das Gefecht beginnt um 10 Uhr
Nach zwei Stunden heftigen Gefechts war es den deutschen Jägern gelungen, den Westtteil der Stadt zu nehmen. Mittags befahl von der Marwitz die 17. (mecklenburgische ) Kavalleriebrigade der 4. Kavalleriedivision in die Stadt einziehen zu lassen.
Klassische Blankwaffenattacken
Um die belgische Artillerie auszuschalten, ritten die beiden Dragoner-Regimenter ( Nr. 17 und Nr. 18) der Brigade ab 13 Uhr wiederholte Angriffe auf die von abgesessener belgischer Kavallerie und den MGs eines Radfahrbataillons gedeckten Geschützstellungen. Zwar konnten die Dragoner weit vorstoßen, wurden aber schließlich blutig abgewiesen. Um 14.30 Uhr versuchte die 3. Kavalleriebrigade mit dem 2. Kürassier-Regiment und dem 9. Ulanenregiment von Süden und Südosten her die Stellung zu nehmen. Ihre Attacken blieben ebenfalls erfolglos. Beide Brigaden hatten hohe Verluste und mussten den Angriff schließlich abbrechen.
Ende der Schlacht
Zwar konnten deutsche Jäger am späten Nachmittag einige Geländegewinne machen, doch sah von der Marwitz keine Möglichkeit mehr, Halen mit seinen angeschlagenen Kräften zu halten. Er gab den Befehl zur Räumung der Stadt und zog sich östlich der Gette zurück.
Die Zahlen über die Verluste schwanken in den Angaben. Auf beiden Seiten sind jeweils etwa 150 Männer getötet und 400 bis 600 verwundet worden. Die Deutschen haben etwa 900 Pferde verloren, die Belgier nur einige Dutzend.
Schlacht der silbernen Helme
Die Schlacht von Halen hat den dem Grauen des Tötens und Sterbens nicht gerecht werdenden lyrischen Beinamen „Schlacht der silbernen Helmen“ bekommen. Angeblich soll das Schlachtfeld nach der abgewiesenen Attacke der Kürassiere von deren silbernen Helme bedeckt gewesen sein. Die silbernen Kürassierhelme waren allerdings feldgrau verhüllt.
Der Fehlschlag der vom eingeschworenen Kavalleristen von der Marwitz trotz der Gegenvorstellungen einiger seiner Kommandeure befohlenen Attacken zeigte, dass das Ende der deutschen Schlachtenkavallerie gekommen war.
Literatur
Harald von Nes, Die „Kavallerie-Debatte“ vor dem Ersten Weltkrieg und das Gefecht von Halen am 12. August 1914 , in: Militärgeschichtliche Beiträge 7, 1993, S. 31-36.
